HOAX: Parental Alienation Syndrome (PAS) und die WHO

Seit kurzem geistert die Behauptung durch die sozialen Kanäle, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) würde das „Parental Alienation Syndrome“ (PAS) in ihre neue ICD-11-Liste aufnehmen. Kurz: Das sind #FakeNews. Wir erklären, warum.

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1. Der PAS-Vater

Das „Parental Alienation Syndrome“ wurde 1985 von dem US-Amerikaner Richard Gardner, a clinical professor of psychiatry in the division of child and adolescent psychiatry – an unpaid volunteer (NYT), in den wissenschaftlichen Raum gestellt. (Übersetzung: ein Klinikprofessor im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie – ein unbezahlter Freiwilliger). Einem Mann, der zeitlebens unter Pädophilie-Verdacht stand und seine Traktate allermeist im Eigenverlag publizierte. Man darf sich durchaus fragen, warum das kein etablierter Wissenschaftsverlag druckte.

Seine PAS-Theorie wurde längst von der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft als fachlich unhaltbar widerlegt. In den USA und einigen weiteren Ländern darf sich daher heute niemand mehr in Familiengerichtsprozessen auf PAS berufen. Mit PAS postulierte Gardner ein angebliches Krankheitsbild („Syndrome“) bei kontaktunwilligen Kindern gegenüber dem Umgangs-Elternteil, angeblich verursacht durch den betreuenden Elternteil, der den Kontakt zwischen Kind und dem anderen Elternteil unterbinde.

2. Schutz und Kindeswohlgefährdung

Es gibt Situationen, in denen betreuende Elternteile tatsächlich Bedenken haben und sich dafür entscheiden, den Kontakt zu unterbinden: oft, um ihre Kinder vor Gefährdung ihres Wohls zu schützen, z.B. vor einem gewalttätigen Vater. Zu Gewalt zählt dabei nicht nur körperliche, sondern auch sexuelle und psychische. Letztere ist besonders perfide, weil unsichtbarer und daher so gut wie nie beweisbar. Darüber hinaus können Kinder selbst mit Ablehnung und Verweigerung ggü. dem sie schädigenden Elternteil reagieren. Gleiches gilt für ihnen fremde Elternteile, mit denen sie kaum oder nie zusammengelebt haben. Auch dann reagieren Kinder häufig mit Ablehnung und Verweigerung. Doch selbst, wenn diese Dinge nicht vorliegen, reagieren Kinder bisweilen mit Verweigerung. Die Gründe dafür sind so vielzählig, wie es die Situationen der getrennten Eltern sind. Werden Kinder trotz Weigerung dennoch zum Umgang gezwungen, verfestigt sich diese ablehnende Haltung meist nur weiter. Dem Kindeswohl ist damit nicht gedient. 

3. Selbsteinsicht ist eine Zier

Elternteile, denen z.B. aufgrund vorliegender Gewalt durch sie der Kontakt zu ihren Kindern unterbunden wird, bringen oft keinerlei Einsicht in die eigene Problemlage auf (das setzte Einsicht in die & Anerkennung der eigenen Verhaltensmuster voraus), was in der Folge zu einem subjektiven Gefühl der Entrechtung führt. 

4. Very american: Waffen für echte Männer

Gardner gab diesen – fast ausnahmslos männlichen – Elternteilen mit dem Konstrukt PAS eine Waffe an die Hand. Damit drehte er nämlich den Spieß um und pathologisierte nun plötzlich den betreuenden Elternteil, meist die Mutter („bindungsintolerant“), unterstellte ihr also einfach pauschal, selbst nicht „normal“ zu sein und deshalb den Kontakt zum anderen Elternteil zu unterbinden, was bei Kindern zu PAS, also einer Erkrankung führe. Das stellt in den meisten Fällen eine eklatante Opfer-Täter-Umkehr dar, wie sie im Buche steht. The theory – one of the most insidious pieces of junk science to be given credence by US courts in recent years – holds that any mother who accuses her spouse of abusing the children is lying more or less by definition, schrieb The Independent 2003, und weiter: This is not only tawdry logic, guaranteed from the outset to protect the interests of divorcing fathers, by far Gardner’s most enthusiastic constituency, but it has also destroyed the lives of hundreds, maybe thousands, of American families over the past 15 years. 

(übersetzt: Die Theorie – eine der hinterlistigsten Varianten von Junk Science, der US-Gerichte einige Jahre Glauben schenkten – besagt, dass jede Mutter, die ihren Ehemann des Kindesmißbrauchs bezichtigt, mehr oder weniger lügen würde. Das ist nicht nur eine geschmacklose Logik, um von Anfang an garantiert die Interessen von Scheidungsvätern zu schützen – übrigens Gardners besonders begeisterte Anhängerschaft -, sie hat außerdem das Leben hunderter, wenn nicht tausender amerikanischer Familien in den letzten 15 Jahren zerstört.)

5. PAS widerlegt

Diese wissenschaftlich völlig unhaltbare Theorie wurde zum Glück längst widerlegt: Yet (PAS) has no scientific basis whatsoever. It is not recognised by the American Psychiatric Association or any other professional body, vgl. Independent. (Übersetzt: Dennoch hat PAS keinerlei wissenschaftliche Basis. Es wird weder vom Amerikanischen Psychiater Verband noch irgendeiner anderen professionellen Institution anerkannt.) PAS geistert trotzdem bis heute wie ein HOAX unauslöschlich durch sämtliche Kanäle und viele Köpfe – wie das mit solch praktischen verschwörungstheoretischen Welterklärkonstrukten eben so geht – sie sind kaum totzukriegen. (Vielleicht sollten Mimikama/ZDDK das mal in ihr Sammelsurium aufnehmen.)

6. Der HOAX mit der WHO

Nun behaupten seit kurzem bestimmte Interessensgruppen, die WHO hätte im Juni 2018 verkündet, PAS in ihren internationalen Diagnose-Katalog aufnehmen zu wollen. Recherchiert man das tatsächlich nach, entpuppt sich das als Ente. Denn: In der neuen Liste ICD-11 findet man nirgends etwas von PAS. Allerdings unter dem Schlüssel QE52.1 folgenden Eintrag:

„Loss of an emotionally close relationship, such as of a parent, a sibling, a very special friend or a loved pet, by death or permanent departure or rejection.“

‚Rejection‘, Ablehnung, ist wohl der Trigger, auf den die PAS-Verfechter angesprungen sind wie Pawlows Hunde. Aber: Das Beschriebene bezieht sich auf das Kind und seine „möglichen Begleiterscheinungen im Kontext vom Verlust zum Beispiel eines Elternteils oder Geschwisterkindes, aber auch eines Freundes oder Haustiers“. PAS hingegen – wir erinnern uns – behauptet aber gerade, wenngleich indirekt, dass der betreuende Elternteil, der den Kontakt vermeidet, der eigentlich Kranke sei und das Kind damit ebenfalls krank mache. Dass ein Kind unter dem Nichtkontakt zu einem Elternteil, aufgrund welcher Ursache auch immer (vgl. QE52.1 ICD), bewusst oder unbewusst ggf. leidet, bestreitet niemand. Der eklatante Unterschied von PAS zur ICD 11 liegt im pauschalen Pathologisieren sowohl des Kindes als auch der (meist) Mutter, ohne nach den Gründen für den Kontaktabbruch zu fragen. Das Konstrukt PAS verschiebt außerdem den Fokus vom Kind – um das es ja eigentlich geht – auf den betreuenden Elternteil, um ihn dann anzuzählen und schließlich juristisch k.o. zu schlagen – aus reinem Macht- und Besitzdenken „am Kind“. Dass das betreffende Kind dabei komplett zu einem Objekt als Verhandlungsmasse degradiert wird, fällt den PAS-Verfechtern erschreckenderweise nicht auf.

EDIT: PAS-Verfechter heben aber auch auf QE52.0 ab, um ihr längst widerlegtes Konstrukt doch noch in die ICD-11 hineinzuinterpretieren. Lesen wir selbst nach. Unter genanntem Schlüssel steht:

Substantial and sustained dissatisfaction within a caregiver-child relationship associated with significant disturbance in functioning.

also eine „substantielle und andauernde Beeinträchtigung der Beziehung zwischen dem Kind und dem betreuenden Elternteil in Verbindung mit deutlicher Störung der Funktionsfähigkeit“. Die Beeinträchtigung der Eltern-Kind-Beziehung, die unter QE52.0 gefasst wird – also eine psychosoziale Größe – kann zig Gründe bzw. Ursachen haben: Drogenmissbrauch, Vernachlässigung, Langzeiterkrankung… womit QE52.0 also lediglich eine Begleiterscheinung & ihre Auswirkung auf die Eltern-Kind-Beziehung beschreibt, die durch eine anderweitige Hauptbeeinträchtigung entsteht. Mit einer eigenständigen Erkrankung wie dem widerlegten PAS hat das nichts zu tun. Das dort hineinlesen zu wollen, grenzt also schon sehr an Wunschdenken. /EDIT

 

7. ICD-11 – filed under ferner liefen

Der ICD-11-Abschnitt, unter dem QE52 aufgeführt wird, läuft unter dem Titel 24 Factors influencing health status or contact with health services und beschreibt rein statistische Erfassungsgrößen für Randtätigkeiten des Gesundheitssystems, keine den Krankheiten und Störungen zuzuordnende Diagnosen:

Categories in this chapter are provided for occasions when circumstances other than a disease, injury or external cause classifiable elsewhere are recorded as „diagnoses“ or „problems“.

also „Die Kategorien in diesem Kapitel sind für Fälle vorgesehen, in denen andere Umstände als eine Krankheit, Verletzung oder äußere Ursache, die an anderer Stelle klassifiziert werden können, als „Diagnosen“ oder „Probleme“ erfasst werden.“ Die PAS-Verfechter pathologisieren also erneut nicht nur die Mütter, sondern auch noch ihre Kinder mit der Behauptung, in der ICD-11 würde PAS als disease, „Erkrankung“ aufgenommen werden. Epic fail auf ganzer Linie. Oder auch: muddle the public like you’re Trump.

 

Tl;dr: Dass die WHO das wissenschaftlich nicht anerkannte Parental Alienation Syndrome als disease / disorder, also Erkrankung in seine ICD-11 Liste aufnimmt, ist ein HOAX bzw. Ente und nur eine weitere digitale Dorfsau. Cui bono? Genau.

 

photo credit: Bess Hamiti / ISOrepublic

 

 

2 Antworten auf „HOAX: Parental Alienation Syndrome (PAS) und die WHO

  1. Der Erfinder der Theorie, Mr. Richard Gardner, hat sich selbst umgebracht, weil er so einen unhaltbaren wissenschaftlichen Nonsens in die Welt gesät hat. Und immer wieder ist sich einer in Deutschland nicht zu schade, diesen Unsinn bzw. grottenschlechten Scheiss für seine ideologischen Konstrukte zu verwenden.

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